Sind Flüchtlinge krimineller als Deutsche? – Teil III

Am Mittwoch veröffentlichte die Welt einen Artikel, in dem die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) diskutiert wird. Der Tenor: Laut anerkannten Kriminologen sind Flüchtlinge nicht nennenswert krimineller als die Restbevölkerung. Ausführlich zitiert der Artikel ein neues Gutachten des Kriminologen Christian Walburg von der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster.

Das Kernargument von Walburg ist laut dem Artikel folgendes: „Walburg will deutlich machen, dass nicht die Kriminalitätsbeteiligung oder -neigung von Zuwanderern höher ist als bei Deutschen, sondern dass es eine grundsätzliche Erfahrung spiegelt: Wo es mehr Menschen gibt, passieren auch verhältnismäßig mehr Straftaten.“

Schon dieses erste Argument ist falsch, denn nimmt man an, dass es 2015 zwei Millionen Zuwanderer in Deutschland gab, waren Zuwanderer zweimal so kriminell wie die Restbevölkerung bei Sexualstraftaten, dreimal so kriminell bei Straftaten gegen das Leben und viermal so kriminell bei Raub und Diebstahl (für eine ausführliche Darstellung und Quellenangabe siehe Teil 1).

Ich habe leider keine Zeit, das Gutachten und die anderen Arbeiten von Professor Walburg zu lesen. Deshalb kann ich nicht beurteilen, ob seine Forschungen von dem Welt-Artikel falsch wiedergegeben werden oder ob er tatsächlich die Ansichten vertritt.

Aus meinen Berechnungen schließe ich aber, dass die Kriminalitätsneigung zwischen Ausländern und Deutschen keinesfalls gleich ist. Deutlich wird das, sobald man sich die Strafverfolgungsstatistik von 2014 anschaut. Ein Beispiel: Im Jahr 2014 befanden die Gerichte 353 Deutsche des Mordes für schuldig, und 182 Ausländer (SVS 2014, Seite 20 und 28). Der Anteil der Ausländer an der Bevölkerung betrug damals aber nur etwa 10 Prozent. Die Zahl der Ausländer dürfte also nur ein Zehntel der Deutschen sein, also 35, wenn Ausländer nicht überproportional des Mordes verurteilt würden (für diese und ausführlichere Zahlen siehe Teil 1).

Weiter zitiert die Welt das Walburg-Gutachten mit der Feststellung, dass die „übergroße Mehrheit der Menschen im laufenden Asylverfahren nicht als Tatverdächtige aufgefallen ist und die registrierten Tatverdächtigen insgesamt weit überwiegend Bagatelldelikte begangen haben“.

Das ist eine schon fast triviale Aussage. Natürlich wird die Mehrheit der Zuwanderer nicht straffällig, andernfalls wäre die öffentliche Ordnung in Deutschland schon längst zusammengebrochen. Über die Kriminalitätsneigung der Menschen im Asylverfahren macht die PKS 2015 keine Aussage. Allerdings zählt die BKA-Statistik 114.238 Zuwanderer, die im Jahr 2015 tatverdächtig waren (PKS 2015, Seite 5; ausländerrechtliche Verstöße sind abgezogen). Nehmen wir als Grundgesamtheit die Zahl von 1,27 Millionen Asylbegehrenden, die das BAMF von Januar 2015 bis März 2016 gezählt hat, dann war fast jeder elfte Zuwanderer in 2015 tatverdächtig (etwa 8,9 Prozent). Schätzen wir die Zahl der Zuwanderer auf zwei Millionen, ist jeder siebzehnte Zuwanderer tatverdächtig (etwa 5,7 Prozent).

Zum Vergleich: Bei den Deutschen gab es insgesamt 1.456.087 Tatverdächtige (PKS 2015, Seite 5). Die Zahl der Ausländer betrug Ende 2014 rund 8,2 Millionen, woraus folgt, dass in Deutschland etwa 73 Millionen „Passdeutsche“ lebten. Der Anteil der deutschen Tatverdächtigen an den Passdeutschen beträgt somit knapp 2 Prozent – das ist jeder Fünfzigste. Deutlich weniger wie bei den Zuwanderern.

Es ist also egal, wie vorteilhaft man die Zahlen für die Zuwanderer auslegt, sie erscheinen immer viel krimineller als die Restbevölkerung. Immerhin zitiert die Welt Walburg mit den Worten: „Die in der Öffentlichkeit häufig gestellte Frage, ob Flüchtlinge ,krimineller‘ sind als andere, lässt sich nicht ohne Weiteres beantworten“. Weiter schreibt die Welt:

„Parallel zum starken Anstieg der Zahl nicht deutscher Zuwanderer hat sich seit 2008 auch der Anteil der nicht deutschen Tatverdächtigen an allen polizeilich registrierten Tatverdächtigen (ohne ausländerrechtliche Verstöße) wieder deutlich erhöht“ – und zwar von 18,9 Prozent in 2008 auf 27,6 Prozent in 2015, heißt es in dem Gutachten.

Allerdings sei der statistische Wert für die Kriminalitätshäufigkeit (Fälle je 100.000 Einwohner) „insgesamt kaum angestiegen“, heißt es in dem Gutachten, das sich im Wesentlichen auf Zahlen des Bundeskriminalamtes bezieht. Walburg will deutlich machen, dass nicht die Kriminalitätsbeteiligung oder -neigung von Zuwanderern höher ist als bei Deutschen, sondern dass es eine grundsätzliche Erfahrung spiegelt: Wo es mehr Menschen gibt, passieren auch verhältnismäßig mehr Straftaten.

Der letzte Teil der Aussage ist falsch, wie wir bereits gesehen haben. Doch ist es auch so, dass der relative Anteil der Ausländer an den Tatverdächtigen nicht überproportional gewachsen ist, im Vergleich zur Gesamtzahl der Ausländer? In anderen Worten: Gibt es nur mehr ausländische Tatverdächtige, weil mehr Ausländer eingewandert sind, oder sind die eingewanderten Ausländer auch krimineller, als die Ausländer von 2008?

Leider weist die PKS 2008 nicht die Zahl der ausländischen Tatverdächtigen abzüglich ausländerrechtlicher Verstöße aus. Deshalb müssen wir die Zahlen der ausländischen Tatverdächtigen einschließlich ausländerrechtlicher Verstöße von 2008 und 2015 vergleichen. 2015 betrug die Zahl der ausländischen Tatverdächtigen 911.864 (PKS 2015, Seite 5), im Jahr 2008 war sie 471.067 (PKS 2008, Seite 5). Die Zahl der Ausländer betrug Ende 2014 etwa 8,2 Millionen, 2008 lag sie bei 6,73 Millionen.

Einfache Algebra ergibt: Im Jahr 2008 machten die ausländischen Tatverdächtigen 7 Prozent der Ausländer in Deutschland aus. Im Jahr 2015 lag ihr Anteil bei 11 Prozent. Ob man bei einem Anstieg von etwa  57 Prozent von „insgesamt kaum angestiegen“ sprechen kann, das zu beurteilen überlasse ich dem Leser. Zugegebenermaßen könnte diese Statistik aber verzerrt sein, falls die Zahl der ausländerrechtlichen Verstöße unter den Ausländern von 2015 stärker angestiegen ist als andere Vergehen. Weiter schreibt die Welt:

Freilich gibt es Delikte, bei denen Migranten überproportional vertreten sind: 75,7 Prozent bei Taschendiebstählen und jeweils etwa 43 Prozent bei Urkundenfälschung und Ladendiebstahl. Im Vergleich zu 2008 ist zum Beispiel die Zahl nicht deutscher Tatverdächtiger um 189 Prozent beim Taschendiebstahl und um 79,9 Prozent beim Ladendiebstahl angestiegen. Bei Gewaltdelikten hingegen (Vergewaltigungen, Körperverletzungen, Straftaten gegen das Leben) liege der Anteil ausländischer Tatverdächtiger laut dem Gutachten nur wenig über dem Anteil insgesamt.

Auch das ist nur die halbe Wahrheit. Oben habe ich ja schon erwähnt, dass der Anteil der Ausländer bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung zweimal so hoch ist, bei Straftaten gegen das Leben dreimal so hoch und bei Raub und Diebstahl viermal so hoch – im Vergleich zur Restbevölkerung in Deutschland (für mehr Informationen zu meinen Berechnungen siehe Teil 1, für mögliche Einwände gegen meine Argumentation siehe Teil 2, für Hinweise auf Manipulationen der PKS siehe hier). Das letzte Argument der Welt lautet folgendermaßen:

Kriminologin Bucerius lebt seit einigen Jahren in Kanada; sie forscht an der University of Alberta. Sie betont, dass sämtliche nordamerikanische und kanadische Studien über Migranten zeigten, dass Immigration sogar zu weniger Kriminalität führe. Sie macht deutlich, dass Kanada sich als aktives Einwanderungsland verstehe und gewaltige Anstrengungen unternehme, Migranten zu integrieren. Die Professorin betont aber auch, dass Migranten in Kanada weniger oder zumindest gleich oft straffällig würden wie Einheimische, ganz im Unterschied zu europäischen Ländern.

Was man bei Kanada nicht vergessen darf: Die Nordamerikaner suchen ihre Auswanderer nach strengen Kriterien aus. Dort muss man zum Beispiel Sprachkenntnisse oder berufliche Fähigkeiten vorweisen, um einzuwandern. Es gibt in Kanada also eine Positivauslese, weil nur die geeignetsten ins Land gelassen werden. In Deutschland verhält es sich genau umgekehrt. Weil jeder einwandern kann und fast immer in den Genuss des üppigen deutschen Sozialstaates kommt, ziehen wir nicht die besten, sondern gerade die unproduktivsten und kriminellsten Leute ins Land. Wir haben also eine Negativauslese. Darum ist Kanada mit Deutschland überhaupt nicht vergleichbar.

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